Die Sprache der Vögel: Wie Toshitaka Suzuki Grammatik und Bedeutung im Vogelsang aufgedeckt hat

Die Frage, ob Tiere über eine Form von Sprache verfügen, zählt zu den zentralen Problemen der Verhaltensbiologie,
Kognitionswissenschaft und Linguistik. Lange Zeit galt die menschliche Sprache mit ihrer Fähigkeit zur Bedeutungszuweisung,
Syntax und Grammatik als einzigartig. In den letzten Jahren hat jedoch der japanische Verhaltensbiologe
Toshitaka Suzuki von der Kyoto University durch umfassende Feldstudien an wildlebenden
Japanmeisen (Parus minor) gezeigt, dass zumindest grundlegende sprachähnliche Strukturen auch bei Vögeln existieren.

Seine Forschung belegt, dass Vögel nicht nur unterschiedliche Laute für verschiedene Situationen verwenden,
sondern dass diese Laute spezifische Bedeutungen tragen, miteinander kombiniert werden können
und dabei festen Regeln folgen. Damit liefern Suzukis Arbeiten einen wichtigen Beitrag zur Frage,
wie Sprache evolutionär entstanden sein könnte.

Referenzielle Bedeutung: Wenn Vogellaute auf konkrete Objekte verweisen

Ein zentrales Merkmal menschlicher Sprache ist die Fähigkeit, mit Lauten oder Wörtern auf konkrete Objekte,
Lebewesen oder Ereignisse in der Umwelt zu verweisen. Suzuki konnte zeigen, dass Japanmeisen genau dies tun.
In seinen Feldbeobachtungen identifizierte er unterschiedliche Alarmrufe, die jeweils mit bestimmten
Gefahren verknüpft sind.

Besonders eindrucksvoll ist ein spezieller Alarmruf, der bei der Entdeckung einer Schlange ausgestoßen wird.
Hören andere Meisen diesen Laut, zeigen sie ein charakteristisches Suchverhalten am Boden oder an niedrigen
Strukturen – selbst dann, wenn keine Schlange sichtbar ist. Der Laut fungiert somit als akustisches Symbol
für ein bestimmtes Objekt und löst eine zielgerichtete Reaktion aus.

Diese Befunde sprechen für eine referenzielle Kommunikation, bei der ein Laut nicht bloß
allgemeine Erregung ausdrückt, sondern eine spezifische Bedeutung transportiert – vergleichbar mit einem
einfachen Wort.

Von Lauten zu Strukturen: Zusammengesetzte Rufe mit regelhafter Bedeutung

Der entscheidende Durchbruch in Suzukis Forschung gelang mit der Entdeckung, dass Meisen verschiedene
Rufe systematisch kombinieren. In einer 2016 in Nature Communications veröffentlichten Studie
untersuchte sein Team zwei zentrale Rufelemente:

  • ABC-Ruf: Ein mehrteiliger Laut, der Artgenossen dazu auffordert, ihre Umgebung nach Gefahren abzusuchen.
  • D-Ruf: Ein Laut, der andere Vögel dazu bewegt, sich dem Rufenden zu nähern.

Beide Rufe besitzen für sich genommen eine klar definierte Bedeutung. In der Natur treten sie jedoch häufig
in einer festen Kombination auf: Zuerst der ABC-Ruf, anschließend der D-Ruf. Diese Lautfolge erzeugt bei den
hörenden Vögeln eine zusammengesetzte Reaktion: Sie suchen zunächst aufmerksam ihre Umgebung ab und nähern
sich anschließend dem Ort des Rufes.

Entscheidend ist dabei die Reihenfolge. Wird die Lautfolge experimentell umgekehrt, verlieren die Rufe ihre
klare Wirkung. Die Meisen reagieren dann kaum oder uneinheitlich. Dies zeigt, dass die Bedeutung nicht allein
aus den Einzelrufen entsteht, sondern aus ihrer regelhaften Kombination.

Syntax ohne Sprache? Proto-grammatische Strukturen im Tierreich

In der Linguistik bezeichnet Syntax die regelgeleitete Anordnung von Wörtern zu größeren Bedeutungseinheiten.
Suzukis Ergebnisse legen nahe, dass Japanmeisen über eine elementare Form solcher Regeln verfügen.
Die kombinierte Lautfolge folgt einem festen Muster, dessen Verletzung zu Bedeutungsverlust führt.

  1. Kompositionalität: Die Gesamtbedeutung ergibt sich aus den Bedeutungen der Einzelteile.
  2. Reihenfolgeabhängigkeit: Die Position der Laute ist entscheidend.
  3. Kohärente Verarbeitung: Die Empfänger interpretieren die Lautfolge als zusammenhängende Botschaft.

Obwohl diese Strukturen nicht mit der komplexen Grammatik menschlicher Sprachen gleichzusetzen sind,
zeigen sie doch, dass die kognitiven Voraussetzungen für Syntax nicht ausschließlich dem Menschen vorbehalten sind.

Kognitive Grundlagen: Bedeutung verstehen, nicht nur hören

In neueren Arbeiten konnte Suzuki zeigen, dass Meisen kombinierte Rufe nicht lediglich reflexartig beantworten,
sondern aktiv verarbeiten. In einer 2022 veröffentlichten Studie beschreibt er ein Phänomen,
das in der Sprachtheorie als „Merge“ bezeichnet wird: die Fähigkeit, zwei Bedeutungseinheiten zu einer
neuen, übergeordneten Einheit zu verbinden.

Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass Vögel nicht nur Laute produzieren, sondern deren Struktur
und Bedeutung mental repräsentieren. Kommunikation wird so zu einem kognitiven Prozess,
der über einfache Reiz-Reaktions-Mechanismen hinausgeht.

Bedeutung für Naturschutz und Wissenschaft

Suzukis Forschung hat weitreichende Konsequenzen. Sie erweitert unser Verständnis tierischer Intelligenz
und legt nahe, dass Sprache evolutionär aus bereits vorhandenen kommunikativen Fähigkeiten hervorgegangen ist.
Für den Naturschutz bedeutet dies, dass Vögel nicht nur biologische Objekte, sondern hochkomplexe
soziale Wesen mit ausgeprägten Kommunikationssystemen sind.

Die Erkenntnis, dass Vögel Bedeutungen austauschen und regelhaft kombinieren,
unterstreicht den ethischen Wert ihres Schutzes und die Notwendigkeit,
ihre Lebensräume zu bewahren.

Literatur (Auswahl)


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Alexander Böckmann

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